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Carl Schmitt – Der Begriff des Politischen

Ideologisches Fundament des Nationalsozialismus?

 

In seiner Schrift „Der Begriff des Politischen“ (München 1927) versucht der Staatsrechtler Carl Schmitt eine Definition des Begriffs „Politik“ darzulegen. Politik, so Schmitt, müsse als Kampf verstanden werden, resultierend aus dem Gegensatz zwischen „Freund“ und „Feind“, vergleichbar dem Antagonismus von Gut und Böse sowie Schön und Häßlich in der moralischen beziehungsweise ästhetischen Dimension, und unabhängig von diesen doch als selbständiger Gegensatz. Freund und Feind sind stets im Kampf miteinander begriffen. Die Begriffe Freund, Feind und Kampf sind in ihrem realen Wortsinn gemeint, der Kampf ist nicht etwa Metapher für „geistiges Ringen“. Er beinhaltet ganz klar „die Möglichkeit der physischen Tötung“. Demnach ist auch der Kampf, der Krieg, stets die reale letzte Manifestation dieses Gegensatzes. Krieg ist immer möglich, Politik würde ohne die drohende Möglichkeit des Kampfes nicht existieren.

Ein Krieg zwischen Freund und Feind scheint nach Schmitt über kurz oder lang fast zwingend, definiert er doch die Feindschaft als „seinsmäßige Negierung des anderen Seins“. Dies impliziert ja schon die notwendige Vernichtung des Feindes zum eigenen Überleben.

Auffallend ist, daß Schmidt für den Freund-Feind-Antagonismus keine einleuchtende Herleitung angibt, sondern ihn ontologisch setzt.

Weiterhin stellt Schmidt fest, daß der beschriebene Kampf zwischen Völkern stattfindet, die durch die Feindschaft zu einem anderen Volk geeint, ja dadurch erst definiert werden. Sollte dieser außenpolitische Gegensatz gegenüber etwaigen innenpolitischen Gegensätzen an Bedeutung verlieren, der Staat also in sich zerrüttet sein, so droht gemäß der Definition des Politischen ein Bürgerkrieg. Hier wird Schmitts Kritik an der uneinigen Parteienpolitik der Weimarer Republik deutlich.

Wo sind nun also die Parallelen zwischen der NS-Ideologie und Schmitts Abhandlung über das Politische zu sehen?

Auffallend ist zunächst Schmitts ständige Betonung des völkischen Elements als Maßeinheit im politischen Bereich. Völker stehen im Kampf gegen andere Völker, werden durch diesen Kampf erst geeint, werden zur im nationalsozialistischen Sinne zur Volksgemeinschaft durch eine existentielle Bedrohung von Außen. Dies ist eine ganz klare Parallele zu den Nationalsozialisten, der in den gleichen völkischen Kategorien denken.

Sowohl zur Einigung des Volkes, wie auch zur Bestimmung, wer Freund und wer Feind des Volkes ist, muß eine Führerfigur vonnöten sein, die den Willen des Volkes in ihrer Person vereint. Diese Vermutung legt Schmitts vorliegender Text nahe, und dieses Führerprinzip ist natürlich auch ein bestimmendes Element des NS-Systems.

Bezeichnend ist auch Schmitts Sicht der Politik als Kampf zwischen Freund und Feind. Diese radikale Ansicht wird von den Nationalsozialisten übernommen, die das deutsche Volk ebenfalls ständig in einen Krieg mit anderen Völkern sehen, wie z.B. den Juden, die die Existenz des deutschen Volkes selbst bedrohen. Schmitt sieht alles Fremde als potentielle Gefahr für die Existenz des eigenen Volkes, eben weil es wesensmäßig verschieden ist. Hierbei sind Parallelen zum Rassenhaß des NS-Systems leicht auszumachen. Die Konsequenz aus der existentiellen Bedrohung des eigenen Volkes durch das Fremde ziehen sowohl Schmitt im theoretischen wie auch die Nationalsozialisten später im zweiten Weltkrieg: Es gibt keine Verhandlungen, das einzige Ziel, die einzige Option ist die totale Vernichtung des Feindes. Aus diesem radikalen Freund-Feind-Denken läßt sich auch das Vorgehen der NSDAP gegen die Weimarer Demokratie, die agressive Kriegsführung des Deutschen Reiches, vor allem gegen das feindliche System des Bolschewismus und die systematisch geplante „Endlösung“ der Judenfrage teilweise erklären.

Schmitt sieht vielleicht auch schon den zweiten Weltkriegs voraus, spricht er doch von der Möglichkeit des „endgültig letzten Krieges der Menschheit“ der durch die absolute Vernichtung des Feindes charakterisiert sei. Schmitt sieht Politik als den Kampf der Völker, in dem man seinen Feind vernichtet oder selbst untergeht. Hier findet man wieder das sozialdarwinistische Element der NS-Ideologie, welches die Weltgeschichte als Ausleseprozweß der ständig miteinander kämpfenden Völker sieht, bei dem nur die Stärksten überleben.

Die Sicht der Juden als Feind wird auch dadurch untermauert, daß Schmitt feststellt, daß sich z.B. religiöse Gegensätze zu politischen Gegensätzen steigern können, wenn sie nur intensiv genug werden. Der so entstandene Gegensatz sei dann auch nicht mehr religiös, sondern politisch, es wird also in Freund-Feind eingeteilt, genau wie es bei den Juden geschieht, die sich bislang nur durch ihre Religion von den Deutschen abhoben.

Interessant ist weiterhin, daß Schmitt auch dem Soldaten im Krieg eine Rechtfertigung seines Tötens ermöglicht. Die Entscheidung, wer Freund und Feind ist, sei eine rein politische. Somit ist der Soldat aus der Verantwortung für sein Handeln genommen, da er ja gar nicht selbständig über die Richtigkeit seines Kampfes gegen ein bestimmtes Volk entscheiden kann und muß.

Abschließend ist zu sagen, daß Schmitts Werk, obwohl viele Grundgedanken des Nationalsozialismus unabhängig von seinen Schriften entstanden, doch Grundlage und Rechtfertigung für viele Entwicklungen im NS-Staat war, wie z.B. das völkische Denken, die Idee des ständigen Kampfes, von dem die Gesellschaft durchdrungen war und der auch die gesamte deutsche Politik in der NS-Zeit prägte oder das Ziel der totalen Vernichtung der Juden, deren „Anderssein“ wohl einige „als Negation der eigenen Art Existenz“ ansahen.

 

 

 

Quellen:

 

Schmidt, Carl: Der Begriff des Politischen“ (1932) (Auszug), Berlin 1963

 

Lieber, Hans-Joachim: „Zur Theorie totalitärer Herrschaft“ in „Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart“, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1993

 

 

 

Matthias Fuchs