Hausarbeit zum Proseminar Pragmatics im Wintersemester 1998/99 unter der Leitung von Dr.
Wolfgang Schlepper
vorgelegt von:
Gutenbergstr. 24
53757 Sankt Augustin
Reuterstr. 101
53113 Bonn
1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit soll das
linguistische Phänomen der Höflichkeit und sein Auftreten in William Faulkners The Unvanquished untersucht werden.
Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Anredeformen (Modes of Address) gelegt werden, ebenso
wie auf die verschiedenartigen Formen des swearing,
die im behandelten Roman zu finden sind.
Bezug nehmend auf die verwendeten
Höflichkeitsformen wird das Kapitel 4.1 als „Paradebeispiel“ genauer analysiert
werden. Abschließend sollen noch weitere Besonderheiten des übrigen Texts
dargestellt werden.
2. Anredeformen
Im ersten Kapitel Ambuscade werden dem Leser die
wichtigsten Charaktere des Romans und ihre Beziehungen zueinander vorgestellt.
Durch das symmetrische oder asymmetrische Verhältnis der Personen untereinander
wird die Verwendung der Anredeformen (Modes
of Address) bestimmt.
Kennzeichnend für die Zeit, in der der Roman spielt, ist die Anrede der Großmutter durch John Sartoris als „Miss Rosa“. Er reflektiert nicht nur die das Verhältnis der beiden bestimmende soziale Distanz sowie die generelle Höflichkeit älteren Menschen gegenüber, sondern trägt auch der asymmetrischen Situation Rechnung. Die Großmutter, die in der familiären Hierarchie eine höhere Stellung einnimmt, redet dagegen Sartoris nur als „John“ an (Faulkner 1996, S. 10). Die Sklaven (Loosh, Philadelphy, Louvinia, Joby, Ringo) reden Sartoris jedoch als „Marse John“ (Faulkner 1996, S. 83) oder „Sir“ an (Faulkner 1996, S. 19). Eindeutig stehen diese also auf einer niedrigeren Position in der Hierarchie, was ebenfalls deutlich wird, wenn man sich vor Augen führt, daß die Sklaven von John und Bayard Sartoris und der Großmutter stets mit dem Vornamen angesprochen werden (z.B. Faulkner 1996, S. 29). Die Großmutter wird getreu der Hierarchie von den Sklaven meist mit „Miss Rosa“ oder „Ma‘am“ angeredet (auch verkürzt in Worten wie „yessum“(Faulkner 1996, S. 43)).
Ringo nimmt eine Sonderstellung in
der Hierarchie ein. Zwar redet auch er John Sartoris als „Marse John“ an
(Faulkner 1996, S. 6), für ihn ist die Großmutter aber auch „Granny“ (Faulkner
1996, S. 21), genau wie für Bayard, da Ringo zusammen mit Bayard aufgewachsen
ist und viel stärker in die Familie integriert ist als die anderen Sklaven.
Ringo und Bayard reden sich auch mit Vornamen an (mutual first name),
Ergebnis ihres jugendlichen Alters und ihrer symmetrischen Stellung zueinander.
Wenn die Großmutter ihren Unmut
über etwaige Vergehen Ringos bekunden will, wechselt sie in ihrer Anrede vom
vertraulichen „Ringo“ zu dessen vollem Namen „Marengo“. Das
selbe Phänomen ist im Fall Bayards zu beobachten, der dann mit „Bayard
Sartoris“ zurechtgewiesen wird (Faulkner 1996, S. 30).
John Sartoris wird, möglicherweise
in Anerkennung seiner militärischen Leistungen, von entfernteren Verwandten
(z.B. Louisa) als „Colonel Sartoris“ tituliert. Darin zeigt sich aber auch die
nicht so enge Beziehung zu ihm. Auch die Großmutter verwendet in seiner
Abwesenheit diese Anrede, wahrscheinlich ein Zeichen des Respekts für ihren
Schwiegersohn (Faulkner 1996, S. 42).
Die bewußte Verwendung einer
bestimmten Anrede zum Ausdruck der Aufwertung einer Person findet man in der
Szene, in der John Sartoris Drusilla als „soldier“ bezeichnet (Faulkner, S.
231). Sartoris schafft durch diese Anrede absichtlich eine annähernd
symmetrische Situation zu ihr, indem er ihrem Wunsch Rechnung trägt, ungeachtet
ihres Geschlechts als gleichberechtigtes Mitglied seiner Truppe anerkannt zu
werden, er stärkt ihr den Rücken in einer für sie schwierigen Lage.
Im übrigen war bei der Verwendung
der Anredeformen nichts Außergewöhnliches festzustellen, in der Regel wird der zero – mode of address, der mutual first name, oder aber auch das
Verwandtschaftsverhältnis ausdrückende Titel (Aunt Louisa, Cousin Denny, etc.(Faulkner 1996, S. 102)).
3. Kapitel 1.4
Der 4. Abschnitt des Kapitels Ambuscade soll hier exemplarisch stehen,
um grundlegende Aspekte der politeness in
The Unvanquished darzustellen.
Im vorliegenden Abschnitt hat die
Großmutter Bayard und Ringo, die ein Pferd der Unionstruppen erschossen haben,
unter ihrem Rock versteckt. Ein Sergeant stürmt in den Raum und fordert die
Auslieferung der Übeltäter, ohne zu wissen, daß sich diese im selben Raum
befinden. Besagter Sergeant zeichnet sich nicht durch ein Übermaß an
Höflichkeit aus, nennt er die Großmutter doch „Grandma“ (Faulkner 1996, S.
32f), eine in diesem Zusammenhang despektierlich und abwertend wirkende
Bezeichnung. Deutlich spielt er seine Macht ihr gegenüber aus: „Don´t you ask
anything, Grandma“ (Faulkner 1996, S. 33). Kennzeichnend für eine asymmetrische
Situation ist auch die Tatsache, daß er ihr wiederholt ins Wort fällt, er
bestimmt eindeutig den Ablauf der Kommunikation. Er räumt ihr kein
Mitspracherecht bei der Suche nach den Übeltätern, flucht sogar („Hell, yes“
(Faulkner 1996, S. 33)), was in Gegenwart einer alten Dame und im Kontext der
damaligen Gesellschaft als sehr unhöflich angesehen war. Die Kriegssituation
und die Machtposition des Sergeants in diesem Fall setzen jedoch solche
Konventionen außer Kraft.
Im Gegensatz dazu zeichnet sich der
(anfangs namenlos bleibende) Colonel, der kurze Zeit später den Schauplatz
betritt, durch eine ausgesuchte Höflichkeit aus, die, wie später gezeigt werden
wird, teilweise bewußt übertrieben ist. Im Gespräch zwischen Colonel und
Sergeant liegt eindeutig eine asymmetrische Situation vor, manifestiert allein
schon durch die unterschiedlichen Ränge der beiden. So verwundert es denn kaum,
daß der Colonel den Sergeant mit seinem Namen oder Rang anspricht. Sergeant
Harrison jedoch redet den Colonel mit seinem Rang oder mit „Sir“ (Faulkner
1996, S. 34f) an. Die Verwendung der militärischen Floskel „Sir“ verdeutlicht
die Unterordnung des Sergeants. Der Colonel macht von seiner Autorität in
diesem Fall häufig Gebrauch, indem er dem Sergeant mehrfach das Wort
abschneidet und ihn mitunter harsch zurechtweist: „Where are your ears,
Sergeant?“ (Faulkner 1996, S. 35).
Wie bereits erwähnt verhält sich der Colonel der Großmutter gegenüber wie ein ‚wahrer Gentleman‘. Anders als der Sergeant redet er die Großmutter als „Madam“ (Faulkner 1996, S. 35) an. Auch verwendet er Höflichkeitsfloskeln, wie z.B. „Do I understand...“ (Faulkner 1996, S. 35). Wohl wissend, daß sich die Delinquenten unter dem Rock der Großmutter verstecken, verwendet der Colonel wiederholt ironisch übertriebene Höflichkeiten, verpackt in hypothetischen Formulierungen, deren Hintersinn sich jedoch nur der Großmutter, nicht dem Sergeant erschließt. Beispiel: „So you have no grandchildren. What a pity in a place like this where two boys would enjoy – sports, fishing, game to shoot at, perhaps the most exciting game of all, and nonetheless so for being, possibly, a little rare this near the house.“ (Faulkner 1996, S. 36) Oder: „Because if it were your weapon – which it is not – and you had two grandsons, or say a grandson and a Negro playfellow – which you have not – and if this were the first time – which it is not – someone next time might be seriously hurt. But what am I doing? Trying your patience by keeping you in that uncomfortable chair while I waste my time delivering a homily suitable only for a lady with grandchildren – or one grandchild and a Negro companion.“ (Faulkner 1996, S. 36f)
Auch die Großmutter folgt nun den
Geboten der Höflichkeit, wohl auch aus Dankbarkeit für die Tatsache, daß der
Colonel sie nicht verraten hat. Sich ihrer Rolle als ‚Gastgeberin‘ bewußt,
bietet sie dem Colonel ein Glas Milch an. Dieser läßt jedoch hinter seiner
höflichen Entgegnung „You are taxing
yourself beyond mere politeness into sheer bravado.“
(Faulkner 1996, S. 37) durchblicken, daß er es nicht für ratsam hält, das
‚Spiel‘ noch weiter zu treiben. Er akzeptiert dann aber doch die Offerte,
bedankt sich und stellt sich im nachhinein noch vor.
Dies hätte, den Regeln der Konversation folgend, eigentlich am Anfang geschehen
sollen, in Anbetracht der Umstände spricht es jedoch für ihn, daß er es
immerhin nachholt.
Wenngleich sich der Colonel auf
höfliche Weise verabschiedet, schwingt in seinem letzten Satz doch auch eine
unterschwellige Mahnung mit, in Zukunft ähnliche Zusammenstöße nicht zu
provozieren: „But permit me to say and hope
that you will never have anything
worse to remember us by.“ (Faulkner 1996, S. 38)
4. Weitere Besonderheiten in Bezug auf „Höflichkeit“
The
Unvanquished bietet noch eine Reihe von Beispielen, an denen die
Verwendung oder Auslassung von Höflichkeitsformen aufgezeigt werden kann.
In der Regel wird es als nicht
höflich erachtet, das sog. Cooperative
principle zu verletzen, indem man eine der von Grice aufgestellten Maxims (Mey 1994, S. 56) außer acht läßt. Ein Beispiel dafür ist Looshs Unterhaltung mit
Ringo und Bayard im ersten Kapitel, in der er auf die Niederlagen der
Konföderierten anspielt, wobei er den beiden jedoch immer nur stückweise
Informationen zukommen läßt, zu wenige, um seine Aussage verstehen zu können:
„‘Far don´t matter. Case hit´s
on the way!‘ ‚On the way? On
the way to what?‘ ‚Ask your paw.
Ask Marse John.‘“ (Faulkner 1996, S. 6f). Loosh verletzt
hier das Maxim of Quantity.
Die Maxims können aber auch vernachlässigt
werden, wenn es die Höflichkeit, also das cooperative
principle selbst, gebietet. Nachdem Bayard und Ringo geflucht haben,
verletzt Louvinia bewußt das Maxim of
Quantity und stellt die Frage: „What was that word?
What did I hear you say?“
(Faulkner 1996, S. 8) Dabei macht sie bewußt nicht von der Information
Gebrauch, über die sie verfügt, da sie das Wort natürlich gehört hat. Obwohl
das Resultat das gleiche ist, wirkt diese Art der Zurechtweisung höflicher als
eine direkte Anschuldigung. Mey gibt für
dieses Phänomen ein gutes Beispiel: "parents: 'Someone´s eaten the icing
off the cake.' child: 'It wasn´t ME.'" (Mey 1994, S. 69).
Ein weiterer Fall, in dem eine direkte Anschuldigung zugunsten der
Höflichkeit unterbleibt, ist vor der Abreise der Familie zu beobachten. Die
Großmutter erzählt Louvinia von ihrem Traum, in dem jemand die Kiste mit dem
Familiensilber stiehlt (Faulkner 1996, S. 43). Sie deutet an, die betreffende
Person zu kennen, verschweigt aber ihren Namen, wobei sowohl dem Leser wie auch
Louvinia klar sein dürfte, daß es sich hier nur um Loosh handeln kann. Die
Höflichkeit verbietet ihr also eine genauere Darlegung ihres Verdachts,
gleichzeitig wirkt die unklare Äußerung der Großmutter auch als Warnung.
Kurz danach ist eine Verletzung des cooperative
principle durch Joby zu beobachten. Dieser möchte dem Befehl der Großmutter
nicht nachkommen, die Kiste ins obere Stockwerk zu tragen. Als die Großmutter
ihn dazu auffordert, gibt er vor, daß er ihre Bitte nicht verstanden habe:
"'Take it upstairs.' Granny
said. [...] 'Which?' he said." (Faulkner 1996, S. 45) Joby hatte die Kiste
gerade erst hereingetragen, seine Unterstellung, daß die Aussage der Großmutter
nicht relevant sei, wirkt somit recht unglaubwürdig. Auch am nächsten Morgen
wendet Joby diese Verzögerungstaktik wieder an: "'Now go
get the trunk',
Granny said. [...] 'Which?' he said." (Faulkner
1996, S. 49) John Sartoris wendet eine ganz ähnliche Vorgehensweise an, um der
Gefangennahme durch die Unionssoldaten zu entgehen. "'Brother, we want to know where the rebel
John Sartoris live.' and Marse
John say, 'Hey?' With his hand on his ear and his face look like he born loony
[...] and Yankee say 'Sartoris. John Sartoris,' and Marse John say,
'Which? Say which?'" (Faulkner 1996, S. 83) Dadurch,
daß er das cooperative Principle in
einer Weise mißachtet, die ihn als geistig minderbemittelt charakterisiert,
kann Sartoris die Unionssoldaten über seine wahre Identität im Unklaren lassen,
kann sich als 'harmlos' darstellen.
Auch Ringo verletzt das cooperative
principle, als er versucht, die Großmutter vor der Festnahme durch die
'Yankees' zu schützen; er stellt sich dumm, versucht, die Soldaten hinzuhalten:
"'Who lives up there now?
What´s her name today, hey?' [...] 'Don´t
nobody', Ringo said, 'the roof leaks'“ (Faulkner 1996, S. 161).
Im Gegensatz zu dem in 3. beschriebenen Offizier läßt der Nordstaatler,
der den Betrug der Großmutter aufdeckt verständlicherweise alle Höflichkeit
fahren, sogar gegenüber einer alten Dame: "'Where are the
mules?' the officer shouted.
'What mules?' Granny said. 'Don´t lie to me' the officer shouted. 'The mules you just
left camp with on that forged order! We´ve got you
this time! [...] That damn Newberry has his copy in his pocket while you were
talking to him.'" (Faulkner 1996, S. 149) Der
Offizier flucht in Großmutters Gegenwart, schreit sie an, noch nicht einmal ein
respektvolles "Ma'am" kommt über seine Lippen.
Festgelegte, ritualisierte Ausdrücke und Verhaltensweisen werden an
verschiedenen Stellen im Text absichtlich mißachtet, auch dies ein Zeichen von
Unhöflichkeit. Anstatt auf Sartoris Gruß mit der erwarteten Entgegnung zu
antworten, setzt sich Tante Louisa darüber hinweg und bekundet ihren Unmut:
"'This is a pleasant surprise, Miss Louisa', Father said. 'It is not pleasant to me,
Colonel Sartoris', Aunt Louisa said." (Faulkner 1996, S. 231)
Bestimmte
außergewöhnliche Situationen können es ebenfalls erforderlich machen, gewisse
Rituale außer Acht zu lassen. So verschafft sich Ringo im letzten Kapitel
gewaltsam Zutritt zum Haus von Professor Wilkins, um Bayard vom Tod seines
Vaters zu berichten. Er stürmt in die Bibliothek und bringt sein Anliegen vor,
ohne einen üblicherweise erwarteten einleitenden Gruß und eine Vorstellung
seiner Person. "'They
shot Colonel Sartoris this morning. Tell him I be
waiting in the kitchen' and was gone before either of them could move." (Faulkner
1996, S. 245) Professor Wilkins verhält sich ähnlich, er überbringt Bayard die schlimme Nachricht, ohne an dessen Tür
zu klopfen: "he would
no more have entered my room without knocking than I would have entered his -
or hers. Then he flung the door violently inward against the doorstop with one
of those gestures with or by which an almost painfully unflagging preceptory of youth ultimately aberrates."
(Faulkner 1996, S. 244). Nachrichten von solcher
Wichtigkeit setzen alle Floskeln der Höflichkeit außer Kraft.
5. Fazit
Die pragmatische Kategorie politeness in William Faulkners The Unvanquished wurde in der
vorliegenden Arbeit anhand verschiedener Gesichtspunkte erläutert. Zunächst
wurden die je nach Situation und hierarchischer Stellung der Gesprächspartner
unterschiedlichen Anredeformen (modes of
address) dargestellt. Es folgte eine Untersuchung der ‚Schlüsselszene‘ des
Texts in Bezug auf politeness, des
Kapitels 1.4. Hierbei fiel besonders die übertriebene, fast schon ironische
Höflichkeit des Colonels ins Auge. Abschließend wurden noch weitere
Besonderheiten des Texts einer Untersuchung unterzogen, so zum Beispiel die
Vernachlässigung der Maxims von
Grice, wenn es die Höflichkeit gebietet, oder die Nichteinhaltung gewisser
ritualisierter Höflichkeitsformen in bestimmten Situationen.
6. Literaturangaben
Faulkner,
William, The Unvanquished (
Mey,
Jacob L., Pragmatics – An Introduction
(